{"id":116,"date":"2017-06-04T19:30:16","date_gmt":"2017-06-04T17:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/research.radical-openness.org\/2017\/?p=116"},"modified":"2021-05-16T09:06:19","modified_gmt":"2021-05-16T07:06:19","slug":"bot-und-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/research.radical-openness.org\/2017\/2017\/06\/04\/bot-und-die-welt\/","title":{"rendered":"Bot und die Welt"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div class=\"field field-name-field-untertitel field-type-text field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<h1 class=\"size-full wp-image-129\">Wer darf Autor sein? Wer hat Autorit\u00e4t? Wer ist Fake News? fragt Krystian Woznicki<\/h1>\n<p><em>Der Artikel erschien zuerst am 3. Mai in der Berliner Gazette (<a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/bot-und-die-welt-autorschaft-fake-news\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/berlinergazette.de\/bot-und-die-welt-autorschaft-fake-news<\/a>) und steht unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-body field-type-text-with-summary field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item even\">\n<p>Wer heute Fake News sagt, emp\u00f6rt sich auch ein st\u00fcckweit \u00fcber die Wirklichkeit, in der vieles in Unordnung geraten scheint, insbesondere im Hinblick auf Autorschaft und Autorit\u00e4t. Dieser Aspekt wird in der aktuellen Diskussion nicht ausreichend gew\u00fcrdigt. Meistens liegt der Fokus darauf, unwahre Botschaften zu diskreditieren. Dabei wird grunds\u00e4tzlich vorausgesetzt, dass es nur so etwas wie wahre Botschaften geben darf, ja: dass nur sie eine Existenzberechtigung haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-129\" src=\"http:\/\/research.radical-openness.org\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/kayla-velasquez-199343.jpg\" alt=\"Foto: Kayla Velasquez, CC0\" width=\"250\" height=\"141\" \/><\/p>\n<p>Foto: Kayla Velasquez, CC0<br \/>\n<a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@km_mixedloev\">https:\/\/unsplash.com\/@km_mixedloev<\/a><\/p>\n<p>Doch geh\u00f6rt es nicht auch zur Demokratie dar\u00fcber zu streiten, was wahr ist und was unwahr? Fake News ist heute auch ein Schlachtruf derer, die sich auf den Streit nicht einlassen wollen; Leute, die ihre Wahrheit gefunden haben, auch wenn ihnen letztlich nur soviel klar ist: dass sie die Wahrheiten anderer nicht akzeptieren k\u00f6nnen und wollen. Ob Trump-Bef\u00fcrworter oder Trump-Gegner.<\/p>\n<p>Insofern stimme ich auch der Technologie-Forscherin danah boyd zu, wenn sie in der Fake-News-Debatte<a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2017\/algorithmen-oder-journalisten-koennen-das-fake-news-problem-nicht-loesen-das-problem-sind-wi\">1<\/a> sagt: \u00bbWenn wir technische L\u00f6sungen f\u00fcr komplexe sozio-technische Probleme suchen, k\u00f6nnen wir uns nicht einfach aus der Verantwortung stehlen und ein paar Unternehmen beauftragen, die Br\u00fcche in der Gesellschaft zu kitten, die sie sichtbar gemacht und verst\u00e4rkt haben.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Die Demokratisierung der Falschmeldungen<\/strong><\/p>\n<p>Der zentrale Grund daf\u00fcr, dass die Idee von Fake News ein derart gro\u00dfes Ding werden konnte, d\u00fcrfte vor allem die Vielfalt an Stimmen sein, die heute Aussagen \u00fcber die Welt machen \u2013 und damit mal mehr, mal weniger energisch einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben. Falschmeldungen, Desinformationen und Propaganda im Allgemeinen haben Geschichte \u2013 doch heute sind es eben nicht nur die gro\u00dfen Institutionen und Autorit\u00e4ten, die all das wie selbstverst\u00e4ndlich in die Welt setzen k\u00f6nnen, sondern auch Max Mustermann, irgendein Algorithmus, ein gottverdammter Bot oder ein Whistleblower.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen also nicht nur das Neue des Ph\u00e4nomens Fake News in Frage stellen, sondern auch die ver\u00e4nderten Bedingungen, unter denen heute vermeintliche Wahrheiten in die Welt gesetzt werden. Beginnen wir die Suchbewegung im Alltag: Neulich h\u00f6rte ich den Satz \u00bbDu bist Fake News\u00ab. Das ist eine Variante von \u00bbIch Chef, Du nix!\u00ab; ein Satz, der jedoch weitergeht und dabei unsere Lage pr\u00e4zise auf den Punkt bringt.<\/p>\n<p>\u00bbDu bist Fake News\u00ab sagt nicht einfach nur, dass du ein schlechter Witz oder eine schlechte Nachricht bist, sondern eine nichtautorisierte Botschaft. Jemand, der das sagt, will nicht nur die Konfrontation (oder das Konfrontiert-Sein) nicht wahrhaben, sondern dem Absender das Recht absprechen, \u00fcberhaupt zu konfrontieren. Dem Gegen\u00fcber wird die Existenzberechtigung abgesprochen.<\/p>\n<p>Es ist eine Frage der Autorschaft, die hier im Raum ist. Konkreter, wie Autorschaft erlangt, best\u00e4tigt und behauptet werden kann. Wer darf sich herausnehmen, ein Autor zu sein? Die Rede von \u00bbFake News\u00ab will hier Klarheit schaffen, indem sie eine Idee von Ausschluss in die Welt tr\u00e4gt. Doch Ausschluss ist hier nicht allzu klar definiert. Die Kriterien sind vage.<\/p>\n<p><strong>Wem Geh\u00f6r schenken?<\/strong><\/p>\n<p>Dass wir uns daran gew\u00f6hnt hatten, ausschlie\u00dflich erhabenen Subjekten Geh\u00f6r zu schenken, also potenziellen Anw\u00e4rtern auf den Nobelpreis oder angehenden bzw. amtierenden Demagogen \u2013 das ist ein Zustand, den wir hinterfragen sollten. Ich will noch nicht einmal sagen, dass wir unsere Idee von Erhabenheit und Subjektivit\u00e4t auf die H\u00f6he der digitalen Gesellschaft bringen (das sicherlich auch), sondern schlicht und ergreifend, dass wir unsere Kriterien \u00fcberdenken sollten: Wer bekommt meine Aufmerksamkeit? Wer nicht?<\/p>\n<p>Soll auch der Pegida-Follower oder der Asylsuchende geh\u00f6rt werden? Sollen wir auch Bots und Algorithmen sowie Whistleblowern und Leakern Geh\u00f6r schenken? (Hier ist freilich aktives H\u00f6ren gemeint.) Zugegeben, das sind alles sehr unterschiedliche Sprecherpositionen, man k\u00f6nnte sagen, dass sie sich nicht \u00fcber einen Kamm scheren lassen. Doch der gemeinsame Nenner ist: Erstens, es handelt sich um emergierende und tendenziell gesellschaftlich schlecht repr\u00e4sentierte \u201aSender\u2018. Zweitens, sie haben keine Autorit\u00e4t und haben entsprechend einen prek\u00e4ren Autorenstatus. Kurz, sie sind potenzielle \u201aVerfasser\u2018 von Fake News. Doch wenn wir nicht anfangen, emergierende und tendenziell schlecht repr\u00e4sentierte Sender ernst zu nehmen, laufen wir Gefahr realit\u00e4tsfremde Wesen zu werden.<\/p>\n<p><strong>Algorithmen und Fake News<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind es inzwischen gewohnt, Empfehlungen f\u00fcr Kauf-, Konsum- und wichtige Lebensentscheidungen von Computerprogrammen entgegenzunehmen. Sie haben sich in unseren smartphone-gest\u00fctzten Alltag eingeschlichen, ohne dass wir sie noch bemerken. Andere Entwicklungen wiederum stehen eher im Zentrum der Aufmerksamkeit: etwa Prognosen \u00fcber Wahlausg\u00e4nge oder Aktienkursentwicklungen, die in \u00e4hnlicher Weise auf der Basis m\u00f6glichst vieler Daten, Szenarien und die Zukunft nicht nur prognostizieren, sondern auch entscheidend pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Doch egal, ob sie nun mehr oder weniger unsichtbar sind oder als kleine Software-Stars daherkommen, kaum jemand stellt die alles entscheidende Frage: Wer ist Autor von algorithmischen Vorhersagen oder Empfehlungen? Ist es der Programmierer, der die Software entwickelt, ist es die Software selbst, die ein Eigenleben entwickelt und als k\u00fcnstliche Intelligenz zu agieren beginnt oder sind es jene, die den algorithmischen Wink \u00fcberhaupt erst als Zeichen \u201alesen\u2018 und ihn erst dann in die Realit\u00e4t umsetzen \u2013 also wir, die wir nach Belieben Nutzer, Zuschauer oder Verbraucher sind.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich unsere Rolle, wenn Algorithmen beginnen, unser Leben vorzuzeichnen. Wer ist Autor? Gott und seine Stellvertreter sind inzwischen zweitrangig geworden. K\u00fcnstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch, dar\u00fcber schrieb\u00a0Norbert Wiener\u00a0bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht viele wollten das damals h\u00f6ren. Heute finden Wieners Thesen st\u00e4rkeres Geh\u00f6r, etwa wenn diskutiert wird, dass KI so etwas wie \u00bbtechnologische Singularit\u00e4t\u00ab mit sich bringt. Laut Wikipedia ist das der Zeitpunkt, an \u00bbdem sich Maschinen mittels k\u00fcnstlicher Intelligenz rasant selbst verbessern und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Die Forderung nach Transparenz<\/strong><\/p>\n<p>In der politischen Diskussion wird zu selten die folgende Frage gestellt: Wer hat etwas zu sagen? Es ist, einmal mehr anders gewendet, die Frage nach Autorschaft und Autorit\u00e4t. Diese Frage ist \u00fcbrigens auch dann im Raum, wenn NGOs wie Algorithm Watch Transparenz dar\u00fcber fordern, wie Entscheidungsfindung via Algorithmus zustande kommt. Denn nur, wenn wir wissen, wie der jeweilige Algorithmus funktioniert \u2013 etwa der Suchalgorithmus von Google \u2013 k\u00f6nnen wir auch anfangen, die Frage nach Verantwortung und Autorschaft halbwegs substanziell zu diskutieren.<\/p>\n<p>Die Transparenz-Debatte bringt aber auch einige Probleme mit sich. Ich erinnere mich noch an die ersten Gro\u00dfprojekte von Wikileaks, wie die Ver\u00f6ffentlichung von rund einer Viertelmillion diplomatischer Berichte der USA, und die erste gro\u00dfe intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen: eine Aktivisten-Plattform fordert eine Supermacht heraus. Das war 2010 und 2011. Damals stand nicht zuletzt die Frage im Raum, ob eine Transparenz-Initiative wie Wikileaks so etwas wie eine Agenda haben darf beziehungsweise was es bedeutet, wenn sie eine hat.<\/p>\n<p>Eine Agenda zu haben, das bedeutet auch, dass die Neutralit\u00e4t der Plattform zur Diskussion stand: Engagiert sich Wikileaks f\u00fcr Transparenz nur in eine bestimmte (etwa: geo-politische) Richtung? F\u00fchrt die Plattform vor allem einen Kampf gegen die Machenschaften der USA? Wenn ja, wessen Interessen w\u00fcrden damit bedient? Wer w\u00fcrde einen solchen Kampf finanzieren wollen? Schon damals stand Russland als m\u00f6glicher Pate der Plattform im Gespr\u00e4ch. Kaum jemand fragte: Waren Interessen nicht schon immer im Spiel gewesen, als es darum ging, Informationen \u201adurchzustechen\u2018 und f\u00fcr Transparenz zu sorgen?<br \/>\nInteressen k\u00f6nnen so unterschiedlich sein wie \u00bbIch will mich in eine vorteilhaftere Position bringen\u00ab oder \u00bbIch will f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen\u00ab. Letzteres gilt als ehrenwerte Motivation f\u00fcr das Leaken. Ersteres nicht. Letzteres, also der Gerechtigkeitsimperativ, hat bei allen Debatten der vergangenen Jahre stark im Vordergrund gestanden, ersteres, also der strategische Nutzen, kaum. Nun vermischen sich die Diskurse. Seit einigen Monaten ist vom strategischen Leak die Rede \u2013 etwa im Blick auf die offengelegten E-Mails der Demokraten w\u00e4hrend des US-Wahlkampfs.<\/p>\n<p>Auch in diesem Kontext geht es um Autorschaft und Autorit\u00e4t. Nat\u00fcrlich ist die Unterstellung einer Strategie, einer Voreingenommenheit, eines gewissen Interesses immer der Versuch, einen Leak und einen Whistleblower zu diskreditieren. \u00bbAber das nutzt doch nur den Russen!\u00ab, ergo: es kann nur falsch sein, sprich: Fake News. Doch wir m\u00fcssen lernen, sowohl \u00fcber politischen Nutzen (also: wem nutzt der Leak?) als auch \u00fcber politische Konsequenzen (also: was legt der Leak offen und was folgt daraus?) sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen dabei verstehen, dass das eine das andere nicht per se ausschlie\u00dft. Nur weil ein bestimmter Leak \u00bbden Russen\u00ab nutzt, muss er nicht zwangsl\u00e4ufig Fake News sein. Er muss so oder so ernst genommen werden \u2013 sowohl im Hinblick auf Autorschaft als auch auf Autorit\u00e4t. Nicht nur Journalisten, sondern auch die Nutzerinnen und Nutzer von sozialen Medien sollten ihre W-Fragen (\u00bbWas\u00ab und \u00bbWo\u00ab) konsequent um das \u00bbWer\u00ab, \u00bbWie\u00ab und \u00bbWarum\u00ab erg\u00e4nzen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-field-subtext field-type-text-long field-label-hidden\">\n<div class=\"field-items\">\n<div class=\"field-item even\">\n<p><a id=\"1\" name=\"1\"><\/a>[1] <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2017\/algorithmen-oder-journalisten-koennen-das-fake-news-problem-nicht-loesen-das-problem-sind-wir\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/netzpolitik.org\/2017\/algorithmen-oder-journalisten-koennen-das-fake-news-problem-nicht-loesen-das-problem-sind-wir\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><em>Krystian Woznicki organisiert gemeinsam mit der Berliner Gazette die Ausstellung \u00bbSignals. An Exhibition of the Snowden Files in Art, Media and Archives\u00ab (12. bis 26. September, Diamondpaper Studio, Berlin) sowie die Konferenz \u00bbFailed Citizens or Failed States? Friendly Fire\u00ab (2. bis 4. November, ZK\/U \u2013 Zentrum f\u00fcr Kunst und Urbanistik, Berlin). Zuletzt erschien von ihm \u00bbAfter the Planes. A Dialogue on Movement, Perception and Politics\u00ab, mit Brian Massumi sowie \u00bbA Field Guide to the Snowden Files. Media, Art, Archives. 2013-2017\u00ab, mit Magdalena Taube (beide Diamondpaper, 2017).<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer darf Autor sein? Wer hat Autorit\u00e4t? Wer ist Fake News? fragt Krystian Woznicki Der Artikel erschien zuerst am 3. 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