{"id":735,"date":"2016-02-19T14:42:08","date_gmt":"2016-02-19T13:42:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/?p=735"},"modified":"2021-05-14T18:29:28","modified_gmt":"2021-05-14T17:29:28","slug":"article-springerin-mull-zu-gold-uber-die-schmutzige-materialitat-unserer-hightechkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/article-springerin-mull-zu-gold-uber-die-schmutzige-materialitat-unserer-hightechkultur\/","title":{"rendered":"Article: Springerin: M\u00fcll zu Gold? \u00dcber die schmutzige Materialit\u00e4t unserer Hightechkultur"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-736\" src=\"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2295-1024x683.jpg\" alt=\"IMG_2295\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2295-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2295-300x200.jpg 300w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2295-768x512.jpg 768w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2295.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>New Materialism<br \/>\nspringerin 1\/16<\/p>\n<p>Abstract to the issue 1\/16: An increased focus on materialist, realistic or object-oriented approaches has emerged over the last few years. The common denominator in all of these sometimes diverging theories lies in their attempt to depart radically from the paradigm of the \u201clinguistic turn\u201d. For some time now greater emphasis has been placed on the characteristics of \u201cdigital materials\u201d or rather on a \u201cnew materiality\u201d built on such materials, even in the realm of digital culture, the epitome of a field grounded in information and a sign-driven approach. In parallel, art practice has also once again begun to focus more on material-related issues or aspects of materiality, including ephemeral or purportedly immaterial phenomena. The January issue examines the underlying traits of such \u201cnew materialist\u201d positions, considering their validity, scope and tenability.<\/p>\n<p>M\u00fcll zu Gold?<br \/>\n\u00dcber die schmutzige Materialit\u00e4t unserer Hightechkultur<br \/>\nYvonne Volkart<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-737\" src=\"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2306-1024x683.jpg\" alt=\"IMG_2306\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2306-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2306-300x200.jpg 300w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2306-768x512.jpg 768w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2306.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frage nach der Materialit\u00e4t ist eine der Grundfragen der Kunst.<br \/>\nImmer geht es dabei auch um das Rauschen, die Eigendynamik des<br \/>\nMediums, um Sinn als k\u00f6rperlich-materielles Ereignis jenseits purer<br \/>\nInformation. Mit dem Ankommen des Anthropoz\u00e4n-Diskurses in Kunst und<br \/>\nGeisteswissenschaften vor ein paar Jahren hat sich das Denken \u00fcber<br \/>\nMaterialit\u00e4t zugespitzt. Mehrere Ausstellungen, Konferenzen,<br \/>\nForschungsprojekte und Publikationen haben sich in j\u00fcngster Zeit dem<br \/>\nMenschgemachten unserer Welt gewidmet. W\u00e4hrend das<br \/>\nAnthropoz\u00e4n-Projekt am Berliner HKW in Berlin, sein Nachfolgeprojekt<br \/>\nTechnosphere, The Anthropocene Monument in les Abattoirs, Toulouse,<br \/>\noder Research on the Anthropocene an der Universit\u00e4t Aarhus die<br \/>\nBegrifflichkeit ins Zentrum stellten, fragten Ausstellungen wie Hall<br \/>\nof Half-Life (steirischer herbst 2015), the afterglow (transmediale<br \/>\n2014) oder nature after nature (Fridericianum Kassel 2014) nach<br \/>\nunseren Hinterlassenschaften. Und immer mehr geht es einfach um<br \/>\nMineralien, etwa Salz auf der Istanbul Biennale 2015, Seltene Erden<br \/>\nin der Ausstellung Rare Earth bei TBA21 Wien oder Phosphat bei<br \/>\nTechnosphere. Am grundlegendsten erscheinen die Projekte, wenn sie<br \/>\ndie \u201etechnologische Bedingung\u201c unserer Umwelt, unsere<br \/>\n\u201enaturecultures\u201c oder \u201emedianatures\u201c zur Disposition stellen.1<\/p>\n<p>Die Hyperobjekte kontaktieren uns<br \/>\nBeim Besuch der Ausstellung BodenSch\u00e4tzeWerte \u2013 Unser Umgang mit<br \/>\nRohstoffen an der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule in Z\u00fcrich<br \/>\nergab sich ein aufschlussreiches Gespr\u00e4ch mit der Aufsicht. Sie<br \/>\nhatte sich anerboten, eine F\u00fchrung zu machen. Die Szenografie und<br \/>\nThematik waren betont sachlich, es ging um Chancen und Probleme der<br \/>\naktuellen Lage. Dann, beim Thema m\u00f6gliche Ressourcen aus dem Weltall<br \/>\nbzw. dem Handy angelangt, meinte die F\u00fchrerin nebenbei, dass das<br \/>\nganze Gerede \u00fcber zu Ende gehende Rohstoffe nicht ganz stimme. Sie<br \/>\nbesuche eine Vorlesung, in der deutlich gemacht werde, dass unser<br \/>\nPlanet ausreichende Ressourcen h\u00e4tte. Der Zugang sei eben manchmal<br \/>\nschwierig und der Abbau lohnte sich finanziell (noch) nicht. Aber<br \/>\ndie Geschichte h\u00e4tte gezeigt, dass der Mensch immer wieder Vorkommen<br \/>\nentdeckt und innovative Abbaumethoden entwickelt h\u00e4tte. Dem hielt<br \/>\nich entgegen, dass die Geschichte auch gezeigt h\u00e4tte, dass der<br \/>\nMensch in rund 150 Jahren dezimiert h\u00e4tte, was sich zuvor \u00fcber<br \/>\nJahrmillionen sedimentiert hatte. Vielleicht k\u00f6nnten wir noch kurz<br \/>\nso wie bisher weitermachen, aber was dann? Darauf meinte sie, dann<br \/>\nstellt man das eben k\u00fcnstlich her. Es ist doch alles einfach Chemie.<\/p>\n<p>Aufschlussreich war das Gespr\u00e4ch insofern, als Materialit\u00e4ten<br \/>\ntats\u00e4chlich auch eine Frage der Chemie sind. Nat\u00fcrlich stehen dabei<br \/>\nneuartige Verbindungen im Mittelpunkt, aber wie die Geschichte<br \/>\nzeigt, ging es immer auch um die Partialisierung und Segmentierung<br \/>\njener Mischungen, die auf der Erde bereits vorhanden sind. Die ganze<br \/>\nErdkruste ist Chemie, darstellbar als Periodentabelle der Elemente.<br \/>\nUnd vor der Chemie, da war die Alchemie. Doch der Stein der Weisen<br \/>\noder das Perpetuum mobile sind bis heute nicht erfunden worden.<br \/>\nTrotz der Erfindung neuer Materialit\u00e4ten ist es unm\u00f6glich, aus Blei<br \/>\nGold zu machen oder aus wenig viel. Nicht einmal die Energie der<br \/>\nSonne l\u00e4sst sich ohne Aufwand anzapfen, auch wenn man mit dem<br \/>\ngro\u00dffl\u00e4chigen Umstieg auf Sonnenenergie viele Energieprobleme l\u00f6sen<br \/>\nw\u00fcrde. Warum muss man den Meeresboden unter der ehemaligen Antarktis<br \/>\numpfl\u00fcgen, wenn Erd\u00f6l k\u00fcnstlich zu haben ist? K\u00fcnstlich hei\u00dft<br \/>\nletztlich: auf der Basis raffinierter Rohstoffe. Die Erde selbst ist<br \/>\nder Rohstoff, den wir brauchen, um irgendwann einmal ins Weltall<br \/>\nabzuhauen. Und Chemie, Geologie oder Physik sind jene Wissenschaften<br \/>\nvon der Erde, die entstanden sind, als man begann, sie im gro\u00dfen<br \/>\nStil auszubeuten. So gesehen ist das \u201eK\u00fcnstliche\u201c auch \u201eNatur\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-738\" src=\"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2310-1024x683.jpg\" alt=\"IMG_2310\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2310-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2310-300x200.jpg 300w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2310-768x512.jpg 768w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2310.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die nicht unkritische Studentin an die Versprechen der<br \/>\ntechnokratischen Verdr\u00e4ngungsideologie krallt, sp\u00fcren andere die<br \/>\ndunklen und widerst\u00e4ndigen Seiten der Materie. Denn die Materie und<br \/>\ndie K\u00f6rper erleben trotz der Digitalisierung eine Intensivierung:<br \/>\nPermanent wird der K\u00f6rper \u00fcber Medientechnologien affiziert, steht<br \/>\ner in Bereitschaft f\u00fcr die eine Nachricht. Allt\u00e4gliche Handlungen<br \/>\nwie Kommunikation, Arbeiten oder Einkaufen werden \u00fcber scheinbar<br \/>\nimmaterielle Medien verrichtet, die aus Mineralien, Plastik und<br \/>\nEnergie bestehen und einen gewaltigen Verschlei\u00df generieren.2 Weil<br \/>\nnichts ohne Ressourcen und deren Zirkulation zu haben ist. Und diese<br \/>\nK\u00f6rper, diese Gemische und Reste dr\u00e4ngen sich uns auf, lassen uns<br \/>\nnicht in Ruhe. \u201eIntimit\u00e4t wird das neue Schl\u00fcsselwort werden\u201c,<br \/>\nschreibt Timothy Morton, \u201ees wird kein \u201aweg\u2018 geben, wohin wir etwas<br \/>\nwerfen k\u00f6nnen.\u201c3 Plastik etwa war f\u00fcr Roland Barthes in den<br \/>\n1950er-Jahren noch ein Mythos, \u201eweniger eine Substanz als vielmehr<br \/>\ndie Idee ihrer endlosen Umwandlung\u201c4. Dies war ganz im Sinne des<br \/>\nLinguistic Turn und des Strukturalismus, als man sich von der<br \/>\n\u00fcberkommenen Konzentration auf die Substanz ab- und der Frage nach<br \/>\nden Bedeutungen zuwandte. \u201eDiese Spur einer Bewegung\u201c (Barthes),<br \/>\nsprich Plastik, sammelt sich heute nicht nur in Fischen oder V\u00f6geln<br \/>\noder im Great Pacific Garbage Patch (wo man ihn ja mit innovativer<br \/>\nTechnologie absaugen k\u00f6nnte, soeben sind erste vielversprechende<br \/>\nVersuche dazu gemacht worden). Nein, Plastik kehrt auch zu seinen<br \/>\nErfindern zur\u00fcck. Schon wurde Plastik im menschlichen K\u00f6rper<br \/>\nnachgewiesen oder l\u00e4sst sich zeigen, dass der Sandstrand von Hawaii<br \/>\nzu 40 Prozent aus Plastikk\u00f6rnern besteht. Plastikspur,<br \/>\nPlastikbewegung: Diese \u201eneue\u201c Materialit\u00e4t ist also doch \u201eSubstanz\u201c,<br \/>\naber sie ist auch \u201eMythos\u201c, denn was, wenn nicht die ewige<br \/>\nWiederkehr in Variationen zeichnet einen Mythos aus? \u201eDas stellt die<br \/>\nh\u00f6chste philosophische Ironie dar. Gerade in jenem Moment, in dem<br \/>\nwir glaubten, wir h\u00e4tten uns von den abgestandenen, statischen,<br \/>\naristotelischen Objekten endlich befreit und sie durch Systeme,<br \/>\nProzesse, Abl\u00e4ufe und Milieus ersetzt, da kommen sie auch schon<br \/>\nzur\u00fcck, kr\u00e4ftiger und gr\u00f6\u00dfer denn je.\u201c5 Was Timothy Morton hier<br \/>\nbeschreibt, nennt er \u201eHyperobjekte\u201c \u2013 \u201eDinge, die wir selbst<br \/>\ngeschaffen haben [\u2026] Hyperobjekte sind reale Dinge, die, in Zeit und<br \/>\nRaum verteilt, massiv auftreten.\u201c6 Besonders gro\u00dfe oder dauerhafte<br \/>\nEffekte wie die Klimaerw\u00e4rmung oder atomare Strahlung definiert er<br \/>\nals \u201eObjekte\u201c, um deren Hartn\u00e4ckigkeit, Dynamik und<br \/>\nVerschiedenartigkeit gegen\u00fcber dem Menschen, der sie mit verursacht<br \/>\nhat, begrifflich herauszustreichen.<br \/>\nM\u00f6glicherweise ginge es auch ohne diesen objektorientierten Ansatz,<br \/>\num \u00dcberlegungen \u00fcber die sozialen Implikationen und<br \/>\nHandlungsoptionen in einer komplizierten und<br \/>\nheruntergewirtschafteten Welt der Widerg\u00e4ngermaterialien<br \/>\nanzustellen. Aber die rhetorische Reduktion des<br \/>\nDynamisch-Komplizierten auf ein Ding, das konventionell unterhalb<br \/>\nder Hierarchie des Menschlichen angesiedelt und mit der Warenwelt<br \/>\nverkn\u00fcpft ist, \u00fcbt seinen Reiz auf Morton aus. Auch an anderer<br \/>\nStelle arbeitet er gerne mit Neologismen. Tiere nennt er \u201estrange<br \/>\nstrangers\u201c, um der Falle hierarchischer Dualismen zu entgehen.<br \/>\nDasselbe gilt f\u00fcr den Begriff \u201eNatur\u201c, den er zugunsten des<br \/>\n\u201emannigfaltigen Vielen\u201c meidet. Denn \u201eNatur\u201c wird Morton zufolge in<br \/>\nerster Linie von jenen, die \u201eNormalit\u00e4t\u201c erzwingen wollen, verwendet<br \/>\nund n\u00fctzt beispielsweise dem Kampf f\u00fcr Biodiversit\u00e4t nicht.<br \/>\nWenn wir anerkennen, dass K\u00fcnstlichkeit \u201eNatur\u201c ist, dass die<br \/>\n\u201eMaterie vibriert\u201c oder dass elektronische Medien \u201eGeologie\u201c sind,7<br \/>\ndann brauchen wir Natur als Gegenbegriff wirklich nicht mehr.<br \/>\nSolange wir aber meinen, dass die Natur ein Bedienungsladen f\u00fcr die<br \/>\nMenschen ist, kann es durchaus Sinn machen, den Begriff strategisch<br \/>\neinzusetzen. Donna Haraway hat das so formuliert: Wir k\u00f6nnen die<br \/>\nNatur nicht nicht denken, aber wir m\u00fcssen ein anderes Verh\u00e4ltnis<br \/>\ndazu entwickeln. Eines, das nicht auf Ausbeutung gest\u00fctzt ist.<br \/>\nW\u00e4hrend sie auf die \u201eCompanion Species\u201c setzt, spricht Morton von<br \/>\nder \u201eradikalen Koexistenz\u201c. Solche philosophischen Vorschl\u00e4ge \u00fcber<br \/>\nden Einbezug nicht-humaner Entit\u00e4ten kontern einer sich<br \/>\nbreitmachenden L\u00e4hmung. Der Anthropoz\u00e4n-Diskurs st\u00fctzt sich n\u00e4mlich<br \/>\nstark auf die Annahme, dass das \u00d6kosystem global derma\u00dfen aus dem<br \/>\nRuder gelaufen ist, dass lokale Interventionen oder individuelle<br \/>\nVerhaltens\u00e4nderungen nichts mehr n\u00fctzen, au\u00dfer vielleicht ein paar<br \/>\ntechnokratischen Gro\u00dfl\u00f6sungen.<br \/>\nWas hei\u00dft etwas wie Koexistenz nun bezogen auf die hier aufgeworfene<br \/>\nFrage nach den neuen Materialit\u00e4ten? Meint dies die Materialien und<br \/>\nDiskurse jenseits von Hierarchien und Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen? Oder<br \/>\nsind es im Gegenteil gerade solche, die diese Verh\u00e4ltnisse sichtbar<br \/>\nmachen? Die die aktuellen Widerspr\u00fcche, etwa zwischen Virtualit\u00e4t<br \/>\nund Materialit\u00e4t, Aufl\u00f6sung und Reterritorialisierung besonders<br \/>\nradikal auf den Punkt bringen. Und was ist mit den neuartigen<br \/>\nPlastikinseln und -sedimenten, mit Luft- und Wassergemischen und den<br \/>\nauftauenden Einzellern? Sie alle sind neue Materialit\u00e4ten, Cyborgs,<br \/>\nMischungen von Natur und Technik, artefaktische Gebilde zwischen<br \/>\nMaterialit\u00e4t und Diskurs, Verdichtungen des Kapitalismus und dessen<br \/>\nBrechungen. Es sind Hyperobjekte, die uns, so Morton,<br \/>\n\u201ekontaktieren\u201c:8 Ihre unmenschliche Langlebigkeit k\u00fcndet von der<br \/>\nM\u00f6glichkeit, dass das menschliche Zeitalter irgendwann zu Ende geht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-739\" src=\"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2316-1024x683.jpg\" alt=\"IMG_2316\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2316-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2316-300x200.jpg 300w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2316-768x512.jpg 768w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2316.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/p>\n<p>Drecksgeschichten<br \/>\nEin Projekt, das die Problematik des \u201edigital rubbish\u201c9 bzw. \u201eden<br \/>\nkapitalistischen Mythos der Immaterialit\u00e4t der Computertechnologie\u201c<br \/>\nmedien\u00e4sthetisch \u00fcberzeugend herausarbeitet, ist Louis Hendersons<br \/>\nKurzfilm All That Is Solid (2014). Der Film spielt in Ghana, das bis<br \/>\n1957 eine englische Kolonie war und bezeichnenderweise Goldk\u00fcste<br \/>\ngenannt wurde. Traurige Ber\u00fchmtheit hat die weltgr\u00f6\u00dfte<br \/>\nSchrottsammelstelle Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra erlangt;<br \/>\nillegaler \u201ee-waste\u201c aus Europa und den USA wird dort unter<br \/>\nerb\u00e4rmlichsten Bedingungen zerlegt, das Plastik verbrannt, die<br \/>\nwertvollen Metalle herausgenommen und weiterverarbeitet. Diese<br \/>\nschrecklichen Bilder haben uns in den letzten Jahren immer wieder<br \/>\nheimgesucht. Auch Henderson verdr\u00e4ngt sie nicht, kostet sie aber<br \/>\nauch nicht aus, wie dies etwa die Fotografen Pieter Hugo oder Nyaba<br \/>\nLeon Ouedraogo machen, deren M\u00fcllbilder eine\/n angesichts dieser<br \/>\nKatastrophe ziemlich ratlos zur\u00fccklassen. Mittelpunkt des Films ist<br \/>\nder Computerbildschirm des K\u00fcnstlers, auf dem archivierte Bilder,<br \/>\nFilme, Texte, Google-Suchanfragen und -\u00fcbersetzungen zu sehen sind:<br \/>\n\u201eThis film takes place in between a hard place, a hard drive, and an<br \/>\nimaginary, a soft space \u2013 the cloud that holds my data. And in the<br \/>\nsoft grey matter, contained within the head.\u201c Die Materie, das ist<br \/>\nneben der Festplatte und dem Computerschrott offenbar auch das<br \/>\nGehirn, zwar nur eine graue Masse, aber, um mit Jane Bennett zu<br \/>\nsprechen, \u201evibrierend\u201c, etwas, das \u201eall das Feste\u201c in Bewegung<br \/>\nsetzen k\u00f6nnte.<br \/>\nZun\u00e4chst scrollt vor dem schemenhaften Hintergrund von Agbogbloshie<br \/>\nauf Wikipedia die koloniale Geschichte der Goldk\u00fcste herunter, bis<br \/>\nsich ein Fenster mit einer dunklen Hand einblendet, auf der drei<br \/>\nkleine Goldnuggets liegen. N\u00e4chste Einstellung: Mise en abyme dieses<br \/>\nFensters, mehrfach hintereinander reproduziert; dazu wird \u00fcber das<br \/>\nSchmelzen von Goldbarren unter der Kontrolle der Engl\u00e4nder<br \/>\ngesprochen. Die heutige Zeit \u00fcberlagert sich mit der kolonialen<br \/>\nVergangenheit. Immer noch wird Gold \u2013 besagte Nuggets \u2013 verkauft,<br \/>\nimmer noch geht das recht primitiv vor sich, wie die nachfolgenden<br \/>\nBilder zeigen, wo Gold aus dem Sand herausgewaschen wird. Die Stimme<br \/>\nist w\u00fctend, die Engl\u00e4nder h\u00e4tten das Gold nach London<br \/>\nabtransportiert. In diese Mise en abyme aus Hand und Nuggets sowie<br \/>\ndem herumliegenden Schrott in Agbogbloshie blendet sich das Logo der<br \/>\niCloud ein, der Computerscreen wird zum Screen eines iPhone bzw.<br \/>\niPad \u2013 fr\u00f6hliches Fotografieren und Herumschicken der Bilder. Dazu<br \/>\ndas Voice-over eines Werbers, der \u00fcber die Entstehungsidee der Cloud<br \/>\nerz\u00e4hlt und dass die meisten Menschen denken w\u00fcrden, die Cloud sei<br \/>\neine Festplatte in den Wolken. Bildwechsel: kaputte Schaltungen,<br \/>\nEinblendung eines Werbefilms \u00fcber die Datencenter von Google mit der<br \/>\nFeststellung, dass die Daten der Clouds in diesen Centern<br \/>\ngespeichert w\u00fcrden.<br \/>\nHenderson arbeitet mit filmischen \u00dcberlagerungen und<br \/>\nParallelisierungen des Gegens\u00e4tzlichen: der Werbefantasie mit der<br \/>\nmateriellen Abfallrealit\u00e4t, der Kolonialzeit mit der heutigen oder<br \/>\nder rasanten Fahrt in eine leuchtende, 3D-animierte Goldmine und dem<br \/>\nabrupten Ankommen in einer dieser simplen Goldstaubminen heute. Auf<br \/>\ndem Bildschirm sind viele Fenster ge\u00f6ffnet. Die Unvereinbarkeiten<br \/>\nund Gegens\u00e4tze stehen nebeneinander, die automatisierte<br \/>\nDesktop-\u00c4sthetik rahmt das h\u00e4ndische Schaffen in Afrika und<br \/>\numgekehrt. Deutlich wird, dass Ghana \u2013 die ehemalige Goldk\u00fcste \u2013,<br \/>\ngerade weil ein Teil davon zur Schrottmine verkommen ist, immer noch<br \/>\neine Goldmine f\u00fcr die Europ\u00e4er ist. Es handelt sich um \u201ea strange<br \/>\nsystem of recycling, a sort of reverse post-colonial mining whereby<br \/>\nthe African is searching for metals in the materials of Europe\u201c,<br \/>\nschreibt Louis Henderson im Trailer.<br \/>\nAll That Is Solid lautet der Titel, womit auf die Materialit\u00e4t<br \/>\ndieses Schrotts wie auch der Serverfarmen der Cloud verwiesen wird.<br \/>\nAber es ist auch ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest von Marx<br \/>\nund Engels: \u201eAlles Stehende und St\u00e4ndische verdampft, alles Heilige<br \/>\nwird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre<br \/>\nLebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit n\u00fcchternen Augen<br \/>\nanzusehen.\u201c Der Film endet mit Bildern von schwarzem Rauch<br \/>\nbrennender Kabel in Agbogbloshie, Bildst\u00f6rungen, immer undeutlicher<br \/>\nund abstrakter, bis nichts mehr zu sehen ist \u2013 verdampft vielleicht.<br \/>\nHendersons offenes, gest\u00f6rtes Ende bietet keine Perspektive im Sinne<br \/>\nder materialistischen Geschichtsauffassung, die die \u00dcberwindung des<br \/>\nKapitalismus vor Augen hat. Und doch klingt etwas davon an, in<br \/>\ndiesen zerbrochenen Materialien, diesem Rauch und diesen \u201eGlitches\u201c.<br \/>\nMit der Verdr\u00e4ngung der Materialit\u00e4t der Daten, verursacht durch die<br \/>\nVerlagerung des Abfalls an Orte wie Agbogbloshie, sowie deren<br \/>\nunvermeidbarer R\u00fcckkehr befasst sich auch Behind the Smart World \u2013<br \/>\nartistic strategies to deal with resurfacing data. Es ist dies ein<br \/>\nvielschichtiges, prozessual angelegtes Projekt von KairUs (Andreas<br \/>\nZingerle und Linda Kronman) in Zusammenarbeit mit der Linzer<br \/>\nNetzwerkinitiative servus.at. Ausgangspunkt waren 22 ausrangierte<br \/>\noder kaputte Festplatten, die KairUs in Agbogbloshie gekauft hatten.<br \/>\nMittels Open-Source-Software zur Datenwiederherstellung gelang es<br \/>\nihnen, den Inhalt von sechs Festplatten lesbar zu machen, und dies,<br \/>\nobwohl die meisten von den BesitzerInnen gel\u00f6scht worden waren.<br \/>\nDiese Daten bzw. Festplatten gaben sie zur Weiterverarbeitung an<br \/>\nneun K\u00fcnstlerInnen weiter \u2013 Em\u00f6ke Bada, Lilian Beidler, Joakim<br \/>\nBlattmann, Simon Krenn, Fabian K\u00fchfuss, Marit Roland, Matthias<br \/>\nUrban, Michael Wirthig und Pim Zwier. Bei von ihnen organisierten<br \/>\nArtLabs werden die jeweiligen Zwischenst\u00e4nde besprochen, die<br \/>\nEndprojekte sollen am 25. Mai im Rahmen des Art Meets Radical<br \/>\nOpenness Festivals 2016 in Linz ausgestellt und diskutiert werden.<br \/>\nBehind the Smart World macht deutlich, dass Daten, ihre Verarbeitung<br \/>\nund Speicherung immer einer materiellen Grundlage wie beispielsweise<br \/>\neiner Festplatte bed\u00fcrfen; dass Daten deswegen nicht einfach zum<br \/>\nVerschwinden gebracht werden k\u00f6nnen, sondern auch den Privatbereich<br \/>\neminent tangieren. So fanden KairUs auf den beiden Festplatten, die<br \/>\nsie selbst weiterbearbeiteten, \u201esensibles\u201c Material. In einem Fall<br \/>\nkonnte sogar der ehemalige Besitzer aus England samt aktueller<br \/>\nAdresse und Freundeskreis \u00fcber Facebook und LinkedIn aufgesp\u00fcrt<br \/>\nwerden. Im anderen Fall deuten die wiederkehrenden Fotografien von<br \/>\nzwei wei\u00dfen weiblichen Webcam-Models mit unterschiedlichen Profilen<br \/>\nin verschiedenen Dating-Portalen sowie weitere Indizien auf<br \/>\norganisierte m\u00e4nnliche Heiratsschwindler aus Afrika hin.<br \/>\nDieses Zur-Disposition-Stellen der Materialit\u00e4t von Medien und Daten<br \/>\nerm\u00f6glicht es, auf spielerische Weise \u00fcber deren Herkunft und<br \/>\nWeiterleben nachzudenken. Durch das gemeinsame Abarbeiten von<br \/>\nSchrott geht die Frage nach der Verantwortung unseres Umgangs mit<br \/>\nComputern und Daten gewisserma\u00dfen in Handeln \u00fcber. Man realisiert,<br \/>\ndass die Wege und Transformationen von elektronischem Material auch<br \/>\nnach ihrem \u201eAbleben\u201c nicht zu Ende sind. Schlie\u00dflich sind die vielen<br \/>\nMetalle, die in Computern stecken, gar nicht abbaubar, sondern<br \/>\nwerden uns \u00fcberleben.10 Wie bei All That Is Solid bleiben auch in<br \/>\nBehind the Smart World die Referenzen an \u201ee-waste\u201c und<br \/>\nDaten\u00fcberwachung nicht in einer Betroffenheitsrhetorik stecken,<br \/>\nvielmehr erscheinen sie als notwendiger Teil einer Spurensuche<br \/>\nbez\u00fcglich der Verwicklungen unserer Electronica. Diese blendet die<br \/>\nunangenehmen Ergebnisse der Recherche nicht aus, sondern sucht sie<br \/>\nmittels kreativer Strategien und unter Einbindung weiterer Akteure<br \/>\nzu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Mediengeologien<br \/>\nDer gro\u00dfe \u201edigital rubbish\u201c f\u00e4llt jedoch nicht nur bei der<br \/>\nEntsorgung, sondern auch bei der Gewinnung und Verarbeitung der<br \/>\nRohstoffe an. Besonders miniaturisierte Hochleistungselektronik<br \/>\nfrisst besonders viele Rohstoffe.11 Neodym beispielsweise ist eine<br \/>\ngefragte \u201eseltene Erde\u201c, bei deren Abbau nicht nur \u2013 wie stets beim<br \/>\nBergbau \u2013 Unmengen an Boden verschlissen werden, sondern auch<br \/>\nRadioaktivit\u00e4t entsteht.<br \/>\nDas Projekt Rare Earthenware (2015) von Unknown Fields Division hat<br \/>\ndiesen Aspekt auf eindr\u00fcckliche Weise materialisiert: Ausgestellt,<br \/>\netwa zuletzt im Rahmen der Schau GLOBALE: Infosph\u00e4re am ZKM<br \/>\nKarlsruhe, sind drei unterschiedlich gro\u00dfe Tonvasen, dazu l\u00e4uft ein<br \/>\nKurzfilm.12 Dieser verfolgt die Reise der K\u00fcnstlerInnen zur\u00fcck an<br \/>\nden Ursprung dieses Tons bzw. den Produktionsweg eines Computers von<br \/>\nseiner Ankunft im Containerhafen in England zur\u00fcck bis zur<br \/>\nTagebaumine in der Mongolei, wo ein Mann, nur mit einem Mundschutz<br \/>\ngesichert, im puren Gift hockt. Der Ton, aus dem die Vasen<br \/>\nmodelliert sind, ist nichts anderes als der radioaktive Schlamm, der<br \/>\ndort anf\u00e4llt, ihre Gr\u00f6\u00dfen entsprechen der Menge an Schlamm, die bei<br \/>\nder Neodym-Extraktion f\u00fcr ein Smartphone, einen Laptop und eine<br \/>\nBatterie f\u00fcr ein Elektroauto anf\u00e4llt. Das \u00e4sthetische Arrangement<br \/>\nbasiert demnach auf dem Proportionalverh\u00e4ltnis von Dreck und<br \/>\nRadioaktivit\u00e4t. W\u00e4hrend die Vasen in ihrer scheinbar statischen<br \/>\nMaterialit\u00e4t leise vor sich hinstrahlen, besticht der Film durch<br \/>\nseinen Trick, nicht nur die Warengeschichte r\u00fcckw\u00e4rts laufen zu<br \/>\nlassen, sondern auch die darin gezeigten Menschen oder Wagen. Das<br \/>\nR\u00fcckw\u00e4rtslaufen scheinbar nat\u00fcrlicher Produktionsvorg\u00e4nge und die<br \/>\nHervorkehrung des (Radio-)Aktiven der Materie machen deutlich, dass<br \/>\ndie Zusammenh\u00e4nge in der buchst\u00e4blichen Bedeutung des Worts<br \/>\n\u201epervers\u201c sind und anders als bisher ablaufen m\u00fcssen.<br \/>\nProjekte wie dieses machen deutlich, dass s\u00e4mtliche k\u00fcnstlichen bzw.<br \/>\nk\u00fcnstlerischen \u201eneuen Materialit\u00e4ten\u201c Denkfiguren sind. Es sind<br \/>\nmedialisierte und materialisierte Verdichtungen von Realit\u00e4t und<br \/>\nihrer Reflexion oder wie man auch sagen k\u00f6nnte, Koppelungen von<br \/>\nTheorie und Praxis. Sie stellen nicht nur die Frage nach der<br \/>\nHerkunft und Zukunft der in sie involvierten Materien und Waren,<br \/>\nsondern auch nach der in sie involvierten Wesen und Kr\u00e4fte, das<br \/>\nhei\u00dft der menschlichen und nicht-menschlichen Akteure,<br \/>\nProduktivkr\u00e4fte und Zeiten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-740\" src=\"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2324-1024x683.jpg\" alt=\"IMG_2324\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2324-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2324-300x200.jpg 300w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2324-768x512.jpg 768w, https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/02\/IMG_2324.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><br \/>\nDoch solche artefaktischen Materialit\u00e4ten entfalten ihre Wirkung nur<br \/>\ndann, wenn sie als Denkm\u00f6glichkeiten in Bezug auf unser aktuelles<br \/>\nSein und nicht als Entw\u00fcrfe neuer Lebensformen genommen werden.<br \/>\nPinar Yoldas\u2019 hybride Plastikwesen f\u00fcr die Installation An Ecosystem<br \/>\nof Excess (2014) k\u00f6nnen als solche akuten Verdichtungen des Jetzt<br \/>\ninterpretiert werden. Entstanden sind diese Kreaturen im Zuge der<br \/>\nAuseinandersetzung mit dem Great Pacific Garbage Patch und den<br \/>\nEntdeckungen, die eine Ozeanforscherin machte: n\u00e4mlich dass gewisse<br \/>\nmikrobiologische Systeme Adaptionen an die Plastikumgebung<br \/>\nvornehmen. Auch Yoldas\u2019 bunte Wesen haben Plastikteile inkorporiert<br \/>\nund einen Metabolismus entwickelt, der produktiv mit Plastik umgeht.<br \/>\nWer \u00fcberleben will in einer lebensbedrohenden Umgebung, muss sich<br \/>\nanpassen. Das k\u00f6nnte die restriktive Lesart dieser Arbeit sein \u2013<br \/>\ntats\u00e4chlich sind Mutation und Anpassung weder eine Frage der freien<br \/>\nEntscheidung noch im Rahmen der Lebenszeit eines komplizierteren<br \/>\nLebewesens m\u00f6glich. Interessanter erscheinen diese Organismen, wenn<br \/>\nwir sie als m\u00f6gliche Konsequenz der aktuellen Entwicklung<br \/>\nbetrachten: als Wesen, die wir einmal sein werden, in einer Welt, in<br \/>\nder alles zugem\u00fcllt ist.<br \/>\nDass sich in einer Welt voller gigantischer W\u00fcnsche und<br \/>\nminiaturisierter Elektroger\u00e4te die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle vermindern<br \/>\nstatt vergr\u00f6\u00dfern, dies ist eine der gro\u00dfen Erkenntnisse, die die<br \/>\nAuseinandersetzung mit neuen Materialit\u00e4ten bringt. Vielleicht<br \/>\nwerden in Zukunft ein paar wenige ins All fliegen, doch die meisten<br \/>\nwerden wohl dableiben und im eigenen M\u00fcll nach Gold suchen m\u00fcssen.<br \/>\nAuch das ist Chemie.<\/p>\n<p>1 Vgl. Erich H\u00f6rl (Hg.), Die technologische Bedingung. Berlin 2011. Zum Projekt Technosphere siehe www.hkw.de. Von \u201enaturecultures\u201c spricht Donna Haraway und meint dabei deren Interferenzen und Dynamiken. Jussi Parikka verwendet den Begriff \u201emedianatures\u201c (vgl. Parikka (Hg.), Medianatures. Living Books About Life 2011 sowie ders., A Geology of Media. Minneapolis 2015) und meint damit, dass Medien wesentlich aus Rohstoffen bzw. Mineralien bestehen.<br \/>\n2 Vgl. Parikka, A Geology of Media.<br \/>\n3 Timothy Morton, Zero Landscapes in den Zeiten der Hyperobjekte, in: GAM.07, Grazer Architektur Magazin, Zero Landscape, 2011, S. 81.<br \/>\n4 Roland Barthes, Mythen des Alltags. Frankfurt am Main 1964, S. 79.<br \/>\n5 Morton, Zero Landscapes, S. 82; vgl. auch Timothy Morton, Hyperobjects. Minneapolis 2013.<br \/>\n6 Morton, Zero Landscapes, S. 84.<br \/>\n7 Vgl. Jane Bennett, Vibrant Matter. A Political Ecology of Things. Durham 2010 sowie Parikka, A Geology of Media.<br \/>\n8 Morton, Hyperobjects, S. 201.<br \/>\n9 Siehe dazu die erhellende, auch theoretisch fundierte Untersuchung von Jennifer Gabrys, Digital Rubbish: A Natural History of Electronics. Minnesota 2011.<br \/>\n10 KairUs verweisen in Bezug auf \u201eUnt\u00f6dlichkeit\u201c auf Jussi Parikkas Begriff der \u201eZombie Media\u201c. Dem Aspekt der Unt\u00f6dlichkeit etwa eines Smartphones geht auch das Schweizer Nationalfonds-Forschungsprojekt Times of Waste nach (Flavia Caviezel, Mirjam B\u00fcrgin, Anselm Caminada, Adrian Demleitner, Marion Mertens, Andreas Simon, Yvonne Volkart; www.ixdm.ch\/portfolio\/times-waste; 2015\u20132017). Ich m\u00f6chte mich an dieser Stelle bei den KollegInnen f\u00fcr Erkenntnisse und Diskussionen danken, ohne die dieser Text nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<br \/>\n11 Vgl. dazu die Recherchen f\u00fcr Times of Waste.<br \/>\n12 Vgl. www.theguardian.com\/environment\/gallery\/2015\/apr\/15\/rare-earthenware-a-journey-to-the-toxic-source-of-luxury-goods.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; New Materialism springerin 1\/16 Abstract to the issue 1\/16: An increased focus on materialist, realistic or object-oriented approaches has emerged over the last few years. 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