{"id":261,"date":"2015-01-10T19:52:28","date_gmt":"2015-01-10T18:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.radical-openness.org\/2015\/?p=261"},"modified":"2015-01-06T19:54:32","modified_gmt":"2015-01-06T18:54:32","slug":"jedes-jahr-ein-neues-smartphone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/research.radical-openness.org\/2015\/jedes-jahr-ein-neues-smartphone\/","title":{"rendered":"Jedes Jahr ein neues Smartphone"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als eine Million Tonnen Elektroschrott produzieren die Deutschen j\u00e4hrlich. Ausgediente Smartphones, K\u00fchlschr\u00e4nke, Fernseher landen allerdings nicht nur in Recyclingh\u00f6fen, sondern auch illegal im Ausland.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Viele Deutsche ber\u00fchren am Morgen erst einmal ihr Smartphone: Wecker ausstellen, Nachrichten checken. Dann folgen oft die Kaffeemaschine, der K\u00fchlschrank, die Sp\u00fclmaschine, die elektrische Zahnb\u00fcrste, vielleicht das iPad oder ein Notebook. <span class=\"nowrap\">50<\/span> Elektroger\u00e4te finden sich in einem deutschen Durchschnittshaushalt, <a href=\"http:\/\/www.bitkom.org\/de\/presse\/70864_69186.aspx\">sch\u00e4tzt der Branchenverband Bitkom<\/a>. Und sie werden immer schneller ausgetauscht: Der wenige Jahre alte Fernseher wird mit einem HD-Ger\u00e4t ersetzt; Handyvertr\u00e4ge bieten j\u00e4hrlich ein neues Smartphone; der Laptop l\u00e4uft nach wenigen Jahren zu langsam. <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Deutschland\" data-pagetype=\"THEME\">Deutschland<\/a> produziert j\u00e4hrlich etwa eine Million Tonnen Elektroschrott &#8211; also kaputte elektrische und elektronische Ger\u00e4te mit all ihren Kleinteilen und Giften, sch\u00e4tzt der Bundesverband Sekund\u00e4rstoffe und Entsorgung\u00a0(BVSE).<\/p>\n<p>Doch wo der Nutzen der Ger\u00e4te f\u00fcr die einen endet, beginnt er f\u00fcr andere. Das sind einerseits die Recycling-Unternehmen, die den Ger\u00e4ten wertvolle Stoffe wie Stahl, Kupfer und Aluminium entnehmen und giftige Stoffe wie Quecksilber, Blei und Cadmium entsorgen. Das sind andererseits H\u00e4ndler, die Schrott illegal ins Ausland schaffen und dort weiterverkaufen. Sch\u00e4tzungsweise fallen weltweit j\u00e4hrlich <span class=\"nowrap\">40<\/span> Millionen Tonnen Elektroschrott an. Zwei Drittel kommen nach Einsch\u00e4tzung von Greenpeace nie in legalen Recyclinganlangen an &#8211; trotz \u00dcbereinkommen, Richtlinien und Verboten. Welchen Weg der Gro\u00dfteil des Schrotts nimmt und unter welch haarstr\u00e4ubenden Bedingungen er in <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Ghana\" data-pagetype=\"THEME\">Ghana<\/a> oder Nigeria zerlegt wird, zeigt die Dokumentation <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/guide\/de\/048759-000\/giftige-geschafte\">&#8220;Giftige Gesch\u00e4fte&#8221; auf Arte<\/a> an diesem\u00a0Dienstag.<\/p>\n<div class=\"basebox include\">\n<div class=\"header\"><strong>Dokumentation von Arte<\/strong> &#8220;Giftige Gesch\u00e4fte&#8221;<\/div>\n<div class=\"header\">In Deutschland sieht die Lage zumindest in der Theorie gut aus: Es gibt Gesetze, Datenerhebungen, Klassifizierungen, klare Verantwortungen: Der legale Weg, <a href=\"http:\/\/www.bmub.bund.de\/fileadmin\/bmu-import\/files\/pdfs\/allgemein\/application\/pdf\/elektrog.pdf\">geregelt im Elektro-Gesetz (ElektroG)<\/a>, beginnt beim Verkauf eines Ger\u00e4tes. Die Hersteller melden der Stiftung Elektro-Altger\u00e4te-Register (EAR), der deutschen Koordinierungsstelle f\u00fcr Elektroschrott, wie viele neue Ger\u00e4te sie in Umlauf bringen. Der Masse entsprechend m\u00fcssen die Hersteller dann auch die Kosten der Entsorgung \u00fcbernehmen. Vorgeschrieben ist, dass diese getrennt gesammelt\u00a0wird.<\/div>\n<div class=\"header\">\n<p><span class=\"nowrap\">2012<\/span> kamen in Deutschland etwa <span class=\"nowrap\">1,8<\/span> Millionen Tonnen neue Ger\u00e4te in Umlauf &#8211; in den Wertstoffh\u00f6fen landeten etwa <span class=\"nowrap\">600 000<\/span> Tonnen Elektroschrott, <a href=\"https:\/\/www.stiftung-ear.de\/service_und_aktuelles\/kennzahlen\/jahres_statistik_meldung\">zeigt die aktuellste Statistik des EAR<\/a>. Ein Gro\u00dfteil davon stammt aus Privathaushalten. Auf einen Bewohner kommen also etwa acht Kilogramm Schrott. Norwegen sammelt sogar fast <span class=\"nowrap\">30<\/span> Kilogramm, in manchen s\u00fcdeurop\u00e4ischen Staaten hingegen kommen auf einen Einwohner weniger als vier\u00a0Kilo.<\/p>\n<p>Die <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/EU\" data-pagetype=\"THEME\">EU<\/a> versucht mit der neu \u00fcberarbeiteten Richtlinie \u00fcber Elektro- und Elektronik-Altger\u00e4te (WEEE-RL, 2012\/19\/EU; <a href=\"http:\/\/eur-lex.europa.eu\/LexUriServ\/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:197:0038:0071:de:PDF\">hier als PDF<\/a>), die Staaten mit einer \u00fcber die Jahre steigenden Quote zum Sammeln zu bewegen: Von <span class=\"nowrap\">2016<\/span> an sollen <span class=\"nowrap\">45<\/span> Prozent des Durchschnittsgewichts der Elektroger\u00e4te gesammelt werden, die in den drei Vorjahren neu verkauft wurden. F\u00fcr Deutschland erg\u00e4be sich <a href=\"https:\/\/www.stiftung-ear.de\/service_und_aktuelles\/kennzahlen\/jahres_statistik_meldung\">laut Zahlen des EAR<\/a> f\u00fcr die Jahre von <span class=\"nowrap\">2010<\/span> bis <span class=\"nowrap\">2012<\/span> ein Durchschnitt von etwa <span class=\"nowrap\">1 750 000<\/span> Tonnen neu eingef\u00fchrten Ger\u00e4ten, <span class=\"nowrap\">45<\/span> Prozent w\u00e4ren etwa <span class=\"nowrap\">780 000<\/span> Tonnen, die gesammelt werden m\u00fcssten &#8211; bisher schafft Deutschland das noch nicht\u00a0ganz.<\/p>\n<p>Wichtig im ganzen Ablauf: der Verbraucher. Er kann bestimmte Mengen von Altger\u00e4ten kostenlos bei den Sammelstellen oder \u00fcber die Sperrm\u00fcllabholung der lokalen Entsorgungstr\u00e4ger abgeben, wie auch die Grafik zeigt. Dort holen den Schrott dann die Hersteller, beziehungsweise externe Dienstleister ab und geben ihn an Recyclingbetriebe weiter. Manche Hersteller haben zudem eigene Sammelstellen eingerichtet oder nehmen Altger\u00e4te direkt beim Verkauf eines neuen Ger\u00e4tes an &#8211; dann entf\u00e4llt der Weg \u00fcber die Wertstoffh\u00f6fe. Unter welchen Bedingungen und mit welcher Technik Altger\u00e4te anschlie\u00dfend in Recycling-Unternehmen zerlegt werden d\u00fcrfen, ist in Deutschland ebenfalls\u00a0geregelt.<\/p>\n<p>Freilich bedeutet das nicht, dass hierzulande Vorgaben auch immer eingehalten werden. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/skandal-um-firma-envio-das-gift-der-stadt-1.1131061\">Das zeigt der Fall der Firma Envio aus Dortmund<\/a>, deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung <span class=\"nowrap\">2011<\/span> angeklagt wurde: Alte Transformatoren wurden so zerlegt, dass die giftige Chemikalie PCB in Luft und Boden gelangte. Mitarbeiter sollen ohne ausreichende Schutzkleidung gearbeitet haben, einige erkrankten\u00a0schwer.<\/p>\n<p>och meist kommt der Schrott gar nicht erst in Sammelstellen oder Recycling-Betrieben an &#8211; auch in <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Deutschland\" data-pagetype=\"THEME\">Deutschland<\/a> nicht. Die defekten Ger\u00e4te landen im Hausm\u00fcll oder werden \u00fcber Flohm\u00e4rkte verkauft. Fliegende H\u00e4ndler nehmen Privathaushalten und Unternehmen Schrott ab, online wird vom K\u00fchlschrank bis zum Smartphone alles gehandelt, Ger\u00e4te auf dem Sperrm\u00fcll &#8211; soweit er offen auf der Stra\u00dfe liegt &#8211; werden mitgenommen und verkauft. Es komme au\u00dferdem vor, dass Transporteure brauchbare Teile auf dem Weg von der Sammelstelle zum weiterverarbeitenden Unternehmen entwendeten, hei\u00dft es in einer Studie des Beratungsinstituts \u00d6kopol (<a href=\"http:\/\/www.umweltbundesamt.de\/sites\/default\/files\/medien\/461\/publikationen\/3769.pdf\">PDF<\/a>). Das nach eigenen Angaben unabh\u00e4ngige Unternehmen liefert Untersuchungen, oft an \u00f6ffentliche\u00a0Auftraggeber.<\/p>\n<p>Die Ger\u00e4te landen entweder auf deutschen Schrottpl\u00e4tzen oder in der M\u00fcllverbrennungsanlage, wertvolle Rohstoffe gehen dadurch verloren. Ein Teil des M\u00fclls wird allerdings auch weiter verkauft &#8211; illegal ins Ausland: &#8220;Es werden j\u00e4hrlich sch\u00e4tzungsweise <span class=\"nowrap\">150 000<\/span> Tonnen Schrott \u00fcber den Hamburger Hafen in L\u00e4nder au\u00dferhalb der <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/EU\" data-pagetype=\"THEME\">EU<\/a> exportiert. Noch einmal so viel verl\u00e4sst uns \u00fcber den Landweg&#8221;, sagt Knut Sander, Mitverfasser der\u00a0Studie.<\/p>\n<p>Die exportierten deutschen Altger\u00e4te landen der Untersuchung zufolge vor allem in <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Ghana\" data-pagetype=\"THEME\">Ghana<\/a>, Nigeria, S\u00fcdafrika, Vietnam, Indien und auf den Philippinen. Und das, obwohl der Export von Schrott verboten ist: Was in der EU an Ger\u00e4ten in Umlauf kommt, darf als Schrott die Grenzen Europas nicht verlassen; oder: Wer Giftm\u00fcll produziert, muss ihn auch selbst entsorgen. Das ist auf Grundlage des Basler \u00dcbereinkommens von <span class=\"nowrap\">1989<\/span> in der EU rechtlich festgeschrieben. Erlaubt ist nur der Export &#8220;voll funktionsf\u00e4higer Gebrauchtger\u00e4te&#8221;. Als diese wird dann aber bei der Ausfuhr auch Elektroschrott\u00a0deklariert.<\/p>\n<p>Es fehlen Kontrollen an H\u00e4fen, der Austausch von Daten, oft auch deren einheitliche Erfassung bei der Ausfuhr, zeigt die <a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Studie\" data-pagetype=\"THEME\">Studie<\/a>. Sie fordert unter anderem eine Nachbesserung der WEEE-Richtlinie. Ihre <span class=\"nowrap\">2012<\/span> vorgelegte Neufassung fordert mittlerweile zumindest, dass Exporteure mithilfe von Dokumenten selbst nachweisen m\u00fcssen, dass es sich bei der Ausfuhr um Gebrauchtger\u00e4te und nicht um Schrott handelt. Allerdings sei fraglich, wer angesichts fehlender Kontrollen pr\u00fcft, ob der Nachweis tats\u00e4chlich erbracht ist, gibt der BVSE zu\u00a0bedenken.<\/p>\n<div class=\"ad\">\n<div id=\"iqd_medrecAd\">\n<div id=\"iqd_bottomAd\">\n<div id=\"iqadtile4\" class=\"iqad\" data-adtile=\"4\">\n<p class=\"anzeige\">Anzeige<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Die Studie weist aber auch darauf hin, dass Verbraucher besser informiert werden m\u00fcssten, welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Dass die Entsorgung \u00fcber Sammelstellen durch Recycling der nachhaltigere und weniger sch\u00e4dliche Weg ist. Wer will, findet durchaus Informationen: Im vergangenen Jahr erst hat das Bundesumweltministerium <a href=\"http:\/\/www.bmub.bund.de\/bmub\/presse-reden\/pressemitteilungen\/pm\/artikel\/eschrott-app-vorgestellt-wissen-wo-der-elektronik-schrott-hingehoert\/\">die kostenlose &#8220;eSchrott&#8221;-App<\/a> vorgestellt. Sie weist Verbrauchern je nach Ger\u00e4tewahl die n\u00e4chst gelegene Sammelstelle. Das Umweltbundesamt, das die Entsorgungsstruktur beaufsichtigt, <a href=\"http:\/\/www.umweltbundesamt.de\/themen\/abfall-ressourcen\/produktverantwortung-in-der-abfallwirtschaft\/elektroaltgeraete\">stellt Daten, Gesetze und Informationen online<\/a>.<\/p>\n<p>Zwar landet in Deutschland ein vergleichsweise gro\u00dfer Anteil des Schrotts bereits in Recyclingh\u00f6fen, &#8220;die Masse, die wir an Ger\u00e4ten nutzen, ist aber unglaublich hoch. Wir produzieren sehr viel Schrott&#8221;, sagt Sander von \u00d6kopol. Ein Aspekt, den auch Cosima Dannoritzer, die Regisseurin der Arte-Dokumentation &#8220;Giftige Gesch\u00e4fte&#8221;, <a href=\"http:\/\/future.arte.tv\/de\/giftige-geschaefte-mit-elektromuell\">betont<\/a>: &#8220;Man kann nicht jeden Container im Hafen kontrollieren oder wer was abgibt. Wir m\u00fcssen erst einmal bei der Menge ansetzen und uns fragen: K\u00f6nnen wir nicht weniger Schrott\u00a0produzieren?&#8221;.<\/p>\n<p><i>Die Dokumentation &#8220;Giftige Gesch\u00e4fte&#8221; l\u00e4uft am Dienstag, den <span class=\"nowrap\">20.05.2014<\/span>, um <span class=\"nowrap\">20.15<\/span> Uhr auf Arte. Zus\u00e4tzliche Informationen und Clips finden Sie <a href=\"http:\/\/future.arte.tv\/de\/giftige-geschaefte-mit-elektromuell\">auf Arte Future<\/a>. <\/i><\/p>\n<p><i>Linktipp: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ghana-im-hoellenfeuer-der-hightech-welt-1.689901\">SZ-Autor Michael Bitala hat die M\u00fcllkippe in Accra, in Ghanas Hauptstadt, besucht<\/a> und fand dort eine Festplatte mit dem Aufkleber &#8220;Bezirksamt Altona&#8221;. Der Bericht stammt von <span class=\"nowrap\">2010<\/span> &#8211; ist aber leider noch immer aktuell. <\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(von: http:\/\/www.sueddeutsche.de\/geld\/elektroschrott-in-deutschland-jedes-jahr-ein-neues-smartphone-1.1969989)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als eine Million Tonnen Elektroschrott produzieren die Deutschen j\u00e4hrlich. 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